Das alte Sachsenland, welches man auch wohl das Land der rothen Erde nannte und ihm damit
auch noch den Stempel des Unheimlichen aufdrückte, war in den Augen des übrigen
Deutschland lange ein unwirthliches Land, dessen Bewohner sich durch plumpe Formen, rauhe Manieren
und eine unverständliche, platte Sprache eben nicht vortheilhaft auszeichneten. Auch die
Städter, obgleich ein Möser, keine geringe Zierde der deutschen Literatur, aus ihrer Mitte
hervorgegangen war, wurden in dieses Interdict mit eingeschlossen. Reisende, welche nothgedrungen
durch Geschäfte zu ihnen geführt wurden, zuckten bei ihrer Rückkunft mitleidig die
Achseln. Die Männer seien steif und wortkarg, erzählten sie, und sässen in den
Wirthshäusern in geschlossenen Zirkeln, ein Jeder sein Oertchen Wein oder ein Glas Bier vor
sich, und öffneten den Mund nur, um eine Rauchwolke oder ein unverständliches Wort
gemächlich hin auszulassen. Mit den Frauen sei noch weniger anzufangen. Diese ständen
entweder mit glühenden Gesichtern hinter den Kochtöpfen, oder sässen eben so unnahbar
hinter ihren Spinnrädern und Strickzeugen, und ein gutes Recept zu einem Eingemachten sei ihnen
lieber, als das schönste Gedicht. Nachdem aber der Hass, welchen die verschiedenen deutschen
Stämme gegen einander hegten, und mit dem liebevollen Studium der gegenseitigen
Eigentümlichkeiten die Vorurtheile geschwunden waren, und mit Immermann, welcher die harte
Schale des westfälischen Volkscharakters geöffnet und den darin enthaltenen süssen
Kern in der Person des Oberhofschützen gezeigt hatte, die Zeit der Dorfgeschichten anhob; sah
man mit Bewunderung an den zwar rauhen, aber markigen und stolzen Gestalten der bäuerlichen
Hofbesitzer auf. Auch die Reellität und Solidität der Städter, die wirklichen und
häuslichen Tugenden ihrer Frauen stiegen um so mehr in Werth, als anderwärts Schwindel,
Luxus und Überfeinerung überhand nahmen. Und das Zähefesthalten am Alten, welches man
früher getadelt hatte, wurde jetzt den Landbewohnern als ein Vorzug angerechnet. Die Sammler
und Alterthumsforscher zogen in Scharen zu ihnen, um ihre alten Sitten und Gebräuche, ihre
Anschauungen kennen zu lernen, ihre Sagen und Märchen zu sammeln, von deren heidnischen
Anklängen sie besser überzeugt waren, als der alte gewissenhafte Sammler in
"Münchhausen" von der Ächtheit des Schwertes Karl's des Grossen. Auch Touristen
durchreisten jetzt das verfehmte Land und waren nicht wenig überrascht durch seine
landschaftlichen Reize, und als nun gar Levin Schücking "Bilder aus Westfalen" schrieb, da trat
es gleichberechtigt in die Reihen der übrigen bevorzugten deutschen Landschaften ein. Leider
hat der berühmte Schriftsteller das eigentliche Westfalen stiefväterlich behandelt. Von
den drei Schwesterstädten Minden, Osnabrück und Münster bespricht er nur letztere
ausführlich, auf Minden und Osnabrück wirft er flüchtige Blicke von den Bergen aus.
Und doch hätte er auch ausser Iburg manchen Punkt als geeignetes Vorbild für seine
beschreibende Feder finden können. Vor Allen ist das westliche Süntelgebirge welches bis
nach Osnabrück hinstreift, wohl werth besucht zu werden, und so möge es mir erlaubt sein,
den Leser mit der interessantesten Strecke desselben bekannt zu machen.
Das westliche
Süntelgebirge, welches von der Holzhäuser Schlucht bis zur Porta westphalica in einer
bogenförmigen Linie von Westen nach Osten verläuft, bis Lübbecke eine mehr
nördliche Richtung nimmt, von da an bis zur Weser wieder nach Süden abfällt, ist
reich an durch geschichtliche Erinnerungen merkwürdigen Punkten, noch mehr aber an solchen,
welche die Sage mit ihrem Zaubergewand umkleidet hat. Der Limberg, welcher dicht bewaldet, sein mit
einer Thurmruine gekröntes Haupt über die Holzhäuser Schlucht erhebt, wird oft in den
Fehden zwischen Osnabrück und Minden genannt. Es hausten auf dem Lindenberge Ravensburg'sche
Dienstmannen. Ein solcher, Alhard von dem Bussche, nahm den tapfern Dietrich von Horne, welcher aus
einem Dienstmannengeschlechte entsprossen von 1376 - 1402 auf dem Osnabrück'schen Bischofssitze
saß, verrätherisch ohne vorher gegangene Absage gefangen und brachte ihn auf den Limberg.
In der Pforte des Limberges begegnete dem gefangenen Bischöfe erst der Knecht, welcher die
Fehdebriefe überbringen sollte. Dietrich nahm sie ihm ab und spottete: Ja sie sind zeitig
ausgesandt!
Doch währte die Gefangenschaft des Bischofs nicht lange. Noch
verhängnissvoller für Stift und Stadt Osnabrück war die Schlacht am Holzhäuser
Bache, welche von Dietrich von der Mark, dem Vicarius des Stifts unter dem gelehrten, aber schwachen
Bischof Johann II. Hoet gegen die Mindener geschlagen und verloren, wurde. Dietrich von der Mark
wurde verwundet und gefangen, mit ihm 62 der edelsten Bürger der Stadt
Osnabrück.
Der Reineberg, welcher sich über Lübbecke erhebt und ebenfalls eine
Burg trug, von der nur wenige Trümmer und eine prachtvolle alte Linde auf dem Burgplatze
übrig geblieben sind, ist ebenfalls Zeuge mancher blutigen Fehde, welche an seinem Fusse
ausgefochten wurde, und wiederholten mächtigen Anrennens gegen sein bewehrtes Haupt gewesen.
Anfänglich eine Teklenburg'sche Burg, war sie späterhin im Besitz von Minden.
Wenn
man nun von der Holzhäuser Schlucht aus auf die Berge steigt und den Pfad verfolgt, welcher
über die Bergrücken (Eggen) wegführt, so tauchen vor den entzückten Blicken,
welche nach rechts in die Grafschaft Ravensberg, nach links in die alte Grafschaft Stemwede fallen,
Thürme und Burgen auf, welche Erinnerungen zumeist an die ältesten Epochen der deutschen
Geschichte wachrufen. Reich ist vor allem die Grafschaft Ravensberg an solchen, ein Garten, welcher
sich wellenförmig in den reizendsten Abwechselungen zwischen Wald und Flur bis zum
Osninggebirge ausbreitet. Da ist es die Ravensburg, welche zunächst die Blicke fesselt, die
Stammburg der Grafen von Ravensberg, deren Wappen: drei über einander stehende Sparren man noch
oft in unseren Bergen auf Grenzsteinen antrifft. Weiter nach links tauchen die Thürme von
Bielefeld auf, der alten ravensberg'schen Stadt, und neben ihr der Sparenberg. Näher dem
Beschauer liegt Herford, Hervorden, die uralte Sachsenstadt, und nicht weit davon Enger, wo der
Sachsenheld Wittekind begraben liegt. Während nach Westen die Dietrichsburg, wahrscheinlich
eine alte sächsische Feste, mit ihrem neuen Thurme den Horizont schliesst, schweift der Blick
nach Osten und Süden ungehindert bis an die blauen Berge, den Süntel und das
Osninggebirge. Und zu allen dem grüsst auch noch das unvollendete Hermanns-Denkmal
herüber. Welch' ein grosses, reiches geschichtliches Feld hat sich da mit der Grafschaft
Ravensberg unseren staunenden Blicken erschlossen! Wir sehen einen Befreier des geknechteten
Deutschlands auf den blauen Bergen erscheinen und einen gleich mannhaften Helden in einem
späteren Befreiungskampfe in diesen Thälern unterliegen. Von dort winkt das leider
unvollendete Denkmal des ersteren, mit Sieg gekrönten Helden herüber, und dort unten liegt
der andere gleich tapfere, aber minder glückliche Kämpfer für die Freiheit seines
Volkes begraben. Aber es ist, als hätte die Nachwelt den Namen des Letzteren mit seinem
unverdienten Missgeschick durch ein treues Andenken an sein heldenhaftes Ringen versöhnen
wollen. Während das Denkmal des glücklichen Siegers unvollendet dasteht, ist das Grab des
nach langem vergeblichen Ringen besiegten Helden mit allen Ehren geschmückt. Wir sehen selbst
einen Kaiser des heiligen deutschen Reichs zu dem Grabe des Sachsenhelden pilgern, um dem grossen
Todten ein würdig Grabmonument zu setzen. Es war Karl IV., der letzte deutsche Kaiser, welcher
geschichtlich nachweisbar in unsere Gegend kam und eine bleibende Erinnerung an seinen Besuch
zurückliess.
Der Blick in die alte Grafschaft Stemwede ist, wenn wir ihn nach links
wenden, ebenfalls entzückend. Leider fehlen ihr geschichtlich merkwürdige Punkte. Der Sitz
der Grafen von Hoya, welche den beiden Stiftern, Minden und Osnabrück, so viel Böses
zugefügt haben, liegt zu fern, um gesehen werden zu können; Minden hält sich hinter
den Bergen verborgen, und der alte Grafensitz derer von Diepholz wird von den Stemmerbergen
verdeckt.
Wenden wir unsere Blicke wieder der Grafschaft Ravensberg zu, so sind es
zunächst Herford, Enger und Dietrichsburg, welche uns auf Wittekind und sein mächtiges
Geschlecht hinweisen. Dieses war in Engern reich begütert. Die Kaiserin Mathilde schenkte die
von ihrem Vater, dem Grafen Dietrich, erhaltenen Güter dem von ihr an dem Orte Enger
gestifteten Kloster, der Grabstätte ihres grossen Vorfahren. Denn es heisst ausdrücklich
von ihr, dass sie aus Wittckind'schem Stamme entsprossen sei. Wenn ihr Vater, Graf Dietrich, von
welchem die Dietrichsburg ihren Namen haben soll, auf derselben gewohnt hat, so sehen wir die
Grafentochter aus Wittckind'schem Stamm von hieraus dem sächsischen Erbprinzen, dem
späteren Kaiser Heinrich I., dem Finkler, die Hand reichen. Die Großmutter der Kaiserin
Mathilde war Äbtissin in Herford. Aber auch schon Wittekind hatte eine klösterliche
Stiftung in Enger begründet, wie uns der Biograph der Königin Mathilde erzählt, indem
er den bekehrten Herzog als den christlichsten Verehrer und Gründer von Zellen rühmt und
die Worte hinzufügt: "Noch heutzutage besteht vielen wohlbekannt eine derselben, die
Engersche". Auch die Sage behauptete schon immer, dass die Kirche zu Enger von Wittekind
gegründet sei. Aber auch sonst feiert die Sage den bedeutendsten Repräsentanten des
mächtigen Edelingsgeschlechtes an vielen Punkten. So haben wir eine Wittekindsburg auf dem
Wittekindsberge, auch Wekingsburg genannt, auf dem östlichen Ausläufer des
Westsüntels, der einen Säule der Porta westphalica. Unter Bergkirchen, welches hoch oben
an der Bergkette liegt, quillt noch heute der Wittekindsborn. Hier an diesem Born, welchen auf
Verlangen des Heidenhelden nach einem Zeichen ein christlicher Priester durch den Huf des sich
bäumenden Rosses hat hervorschlagen lassen, kniete überzeugt von der Macht des ewigen
Gottes der bekehrte Wittekind und baute eine Kirche an diesem heiligen Orte. Die hiess dann wegen
ihrer Lage Bergkirchen.
Der interessanteste Punkt in den Wittekindssagen an unserem Gebirge
ist aber unstreitig die Babilonie, auf die uns nun nachgerade, wenn wir nicht zu lange beim Anblick
auf die reichen Thäler nach beiden Seiten verweilt haben, unser Pfad geführt hat.
Die Babilonie. Im gewöhnlichen Leben die Babilönier genannt, ein nach Süden
hin abschüssiger Berg, erhebt sich in dem Gebirgszuge oberhalb Blasheim, einem Dorfe in der
Nähe von Lübbecke, an der Osnabrück-Mindener Chaussee. Auf ihm hatte Wittekind eine
Burg, die Babilonie, nach welcher der Berg benannt ist, und in diesen unter seine Burg
verwünschte sich der geschlagene Held mit seinem ganzen Heerestross nach der Schlacht auf dem
Wittenfelde. Manchesmal sieht man ihn mit seinem Gefolge auf weissem Rosse in den Bergen reiten, und
wenn er mit lautem Getöse und Waffenlärm aus seinem Berge hervorbricht, so bedeutet dies
den Anwohnern Krieg. In diesem Berge liegt ausserdem ein Schatz, ein weissgekleidetes Fräulein
lässt sich sehen, welches die Auserwählten oder solche, welche sie durch ihre Kunst
zwingen, zu ihm hinführt und davon mittheilt und, wie denn gewöhnlich, auch nebenbei des
Befreiers aus den Zauberbanden harrt. Die Babilonie ist oft von Schatzgräbern besucht worden,
und ich selbst kenne einen alten Mann, welcher sein Heil als Schatzgräber, wenn auch ohne
augenblicklichen Erfolg, bei der Babilonie versucht hat; aber dennoch der festen Ueberzeugung lebt,
dass der Schatz vorhanden ist und mit Hülfe der schwarzen Kunst gehoben werden kann. -
Glücklicher war der Waghorster Schäfer, von welchem Pastor Redeker in den
westfälischen Provincialblättern und nach ihm auch Kuhn in seinen westfälischen Sagen
erzählt, dass eine schöne Jungfrau ihn in den Berg zu den Schätzen des Königs
Weking geführt und aufgefordert habe, zu nehmen, was ihm gefiele, nur möge er das Beste
nicht vergessen. Der Schäfer liess sich nicht lange nöthigen, sondern sackte tüchtig
ein, vergass aber dennoch beim Weggehen das Beste, nämlich die drei fremden lilienartigen
Blumen, mit welchen er auf Geheiss der Jungfrau das Bergthor geöffnet hatte. Diese waren die
Springwurzel, mit welcher er nach Gefallen wieder in den Berg hätte zurückkehren
können. Jetzt hatte er allerdings die Taschen voller Gold, aber die linke Ferse wurde ihm durch
das unwillig hinter ihm zugeschlagene Thor so verletzt, dass sie nie wieder hat heilen wollen.
So stehen wir denn hier auf dem klassischen Boden der Wittekindssagen und blicken in das
schöne Engerland hinab, in welchem die Kirche steht, welche die Gebeine des Helden birgt, und
unter hundertjährigen Eichen die grossen Sadelhöfe liegen, in welchen die Nachkommen
seines tapferen Gefolges, die treuen Hüter des Heldengrabes, wohnen. Es mochte aber dem rauhen,
freiheitliebenden Sachsenvolk, welches noch einmal zu den Zeiten des Kaisers Lothar in dem Aufstande
der Stellinger seine Freiheit und seine Götter zurückerobern wollte, wenig anstehen, dass
sein tapferer Herzog ein so eifriger Anhänger und Bewunderer der Herrschaft und Grösse des
siegreichen Feindes, aus dem wilden Heiden ein so zahmer Christ geworden war. Demnach wissen die
Osnabrück'schen Wittekindssagen nichts von dem christlichen Heldengrabe in Enger. "Als der
Heidenkönig Wittekind gestorben war", so erzählen sie, "kamen seine treuen Mannen, legten
ihn in einen gold'nen Sarg und begruben ihn am Rothenberge (am linken Haseufer nördlich von
Osnabrück) und wälzten grosse Steine auf sein Grab." Allerdings wissen die
Osnabrück'schen Wittekindssagen ebenfalls von seiner Bekehrung und Taufe, aber dennoch wollte
der den alten Verhältnissen anhängliche Sinn des Volkes es sich nicht anders einsagen
lassen, als dass sein tapferer Herzog als heidnischer König gestorben und begraben worden sei.